Donnerstag, 30. August 2007

Warum ich hoffentlich die Scheidung eines japanischen Ehepaars verhindern kann

Ich suche und pflege ja regen Kontakt zu Japanern, was nicht unbedingt selbstverstänlich für Ausländer (Gaijins) in Japan ist. Es gibt leider ne Menge Ausländer hier, die nur mit Ihresgleichen verkehren und ziemlich abgeschottet leben. Ich glaube das Ausmass der interkulturellen Kontakte verhält sich antiproportional zum Einkommen. Ich denke für die Manager, die hier mit Familie in einer Gajinsiedlung residieren, mit der Edelkarosse morgens in ihre internationale Firma fahren und abends im französischen Restaurant dinieren macht es wenig Unterschied ob sie in Tokyo, Rio oder Moskau wohnen.
Ich bin zwar in der Arbeitsgruppe allein unter Japanern, die Kollegen haben aber nur ihre Forschung (oder was auch immer) im Kopf und arbeiten fleissig und still bis tief in die Nacht. Da bleibt meist wenig Gelegenheit um mit mir Japanisch zu üben. Da es aber für mich gerade extrem wichtig ist die neue Grammatik, die ich wöchentlich von meiner Lehrerin eingetrichtert bekomme, zu trainieren, habe ich mich bei einem Kontaktprogramm des International Office der Universität angemeldet. Dort wurde mir heute ein japanischer Freiwilliger zugeteilt, den ich von nun an ein paar mal im Monat zutexten kann.

Und der Gute ist 67 Jahre alt und nimmt auch zum ersten Mal an diesem Programm teil. Wir wurden zuerst von einem Mitarbeiter des Programms einander vorgestellt und hatten dann Zeit uns alleine zu unterhalten und Termine für weitere Treffen auszumachen. Ganz Japan-untypisch ist die ganze Geschichte sehr unkompliziert und regelfrei. Nach der Vermittlung kann man dann einfach selber ausmachen, wann, wo und warum man sich trifft. Ob zum Japanisch üben, Teezeremonie lernen, Papiervögel falten, den Spass von gemeinsamen Behördengängen zelebrieren oder um sich mit Sake abzuschiessen.
Mein japanischer Gesprächspartner war hoch erfreut mich kennenzulernen und strahlte wie ein Honigkuchenpferd über beide Backen. Ich fand Opa Honigkuchenpferd (HKP) auch gleich sympathisch und wir haben uns sehr gut verstanden. Auf die Frage warum er sich denn für dieses Programm gemeldet habe, meinte er, er sei kürzlich in den Ruhestand getreten, und suche jetzt ein Hobby.

AHA. Ich bin also Opa HKPs neues Hobby!

Und da ich in Deutschland ein fleissiger Fernsehreportagenkonsument war (meine Favoriten auf Kabel 1 & Co: "Wie macht man Blutwurst?" und "Leben auf dem Flugzeugträger"...:-) habe ich gleich durchschaut warum er unbedingt ein neues Hobby braucht.

Siehe hier: http://www.n-tv.de/764982.html

Der männliche, japanische Rentner ist im Regelfall eine routinierte Arbeitsmaschine mit festem Zeitplan, der von Familienleben keine Ahnung mehr hat (kleine Anmerkung: letzte email meines Chefs an mich: heute frueh, 2:28 Uhr) und ein riesiges Problem darstellt, wenn er von heute auf morgen Rentner ist und seiner Frau zu Hause auf den Wecker fällt. Die Herren der Schöpfung in diesem Zustand werden auch "Sodaigomi" ("Sperrmüll") oder "nure ochiba" ("nasse Blätter", die lästig am Besen kleben) genannt. Und nachdem kürzlich Gesetz wurde, dass die Frau im Scheidungsfall Anspruch auf 50 % der Rente des Mannes hat, ratet mal was passiert ist...

Und so war es vielleicht die Frau von Opa HKP, die ihn zu einem neuen Hobby überredet hat ("Kauf dir doch ein antikes Motorrad, oder einen Hund, oder züchte Amazonasfrösche - oder besorg dir doch nen Ausländer!").
Naja, ich will aber jetzt nicht abfälliges über Opa HKP mutmassen, ich fand ihn schliesslich sehr nett. Was dann passierte war sehr lustig:
Nachdem wir und gegenseitig vorgestellt und unsere Grunddaten ausgetauscht hatten, und ich grade für eine Sekunde dachte:"Na doll, und nu? Über was soll ich mich jetzt noch ne weitere Stunde mit Opa HKP unterhalten?" klingelte mein Handy und ich wurde von einem japanischen Redeschwall erschlagen. Nach kurzem, äusserst erfolglosem Versuch das Gespräch selbst zu meistern habe ich dann einfach Opa HKP meine Handy in die Hand gedrückt und ihn mal machen lassen.

Was soll ich sagen!?! Ich glaube ich hab nen prima Sekretär gefunden! Vielleicht kann ich ihn auch im Labor beschäftigen, wenn ihm zu Hause langweilig ist. Er kann dann statt meiner die ganzen unnützen Listen und Tabellen ausfüllen, nach denen die Japaner so süchtig sind!
Angerufen hatte übrigens mein Internetprovider, der hoffentlich in Kürze endlich mein DSL zu Hause installiert und der sich nach dem "Namen" meines Appartementhauses erkundigen wollte.
Opa HKP hat alles geregelt.
Prima, wenn wir uns dann in Zukunft noch auf einen gemütlicheren Treffpunkt als den sterilen Raum im Unigebäude einigen - ich denke da an eine typisch japanische Kneipe - oder er mich auch mal zu sich nach Hause einlädt, wird das sicher witzig.
Dass nur die Katze nicht eifersüchtig wird, wenn ich mit Opa HKP allabendlich um die Blocks ziehe.
Apropos Katze: Dein Paket ist angekommen! Ich finde super, dass du dein Dirndl eingepackt hast und garantiere dir, dass du damit in der U-Bahn nicht grossartig auffallen wirst, so krass wie die Teens hier rumlaufen.
Ach wenn doch schon nächste Woche Sonntag wäre und du endlich da wärest! Ich muss dir sooo viel zeigen. Leider wirst du nächste Woche eine Party von Akane auf einem Ausflugsdampfer in der Tokyobay und an diesem Wochenende das Strassenfest vor unserer Wohnung verpassen. Auf letzters muss ich wohl alleine gehen. Oder ich frag mal Opa HKP, ob er Zeit hat...

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